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Das Leben ist zu kurz für Beige

Aktualisiert: Jan 5

und über den Mut zur Farbe, der auf jeden Fall belohnt wird




Foto: Alisa Anton

Der Mensch kann theoretisch unendlich viele Farben wahrnehmen. Dies ist keine Gratis-Beigabe der Schöpfung, sondern gibt uns viele überlebenswichtige Informationen.


In der Vergangenheit war das deutlich wichtiger als heute, in unserer sauberen Welt mit Supermärkten, wo wir nicht an der Farbe erkennen müssen, ob ein Lebensmittel genießbar ist, sondern nur auf ein Mindesthaltbarkeitsdatum schauen müssen.




Unsere bildgewaltige Zeit und der Überdruss an Farbe


Möglicherweise sind wir auch deshalb in unseren eigenen vier Wänden mit Farbe so zurückhaltend, weil unsere Umgebung uns den ganzen Tag über anschreit: wir sind in einer bildgewaltigen Epoche unterwegs, der ganze Erdball liegt uns fotografisch zu Füßen, wir haben Informationen im Überfluss. Dass muss erst mal rein in den Kopf und auch verarbeitet werden - dafür ist eine ruhige Umgebung wichtig.

Mein Büro bei interlübke war geradezu mönchisch: schwarze Asphaltfliesen, weiße Wände, weißer Schreibtisch, wenige, weiße Regale (mit schwarzen Ordnern, alle gleich), schwarzer Stuhl. Das war gut für eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre.

Ich habe es geliebt. Und hatte sehr viel Freude an den kleinen Ausreißern dieser optischen Askese, wie z.B. der kompletten The Simpsons-Gummifiguren - Sammlung, die sich auf einem zarten HPL-Regal an der Wand entlang aufreihte.




Farbe ist nicht gleich bunt


In dieser Kategorie meines Blogs geht es ausschließlich um Farbe. Ich möchte Ihnen Mut machen, die Buntheit in Ihr Leben zu lassen, denn Farbe heißt nicht zwangsläufig Kindergarten-Look. Im Gegenteil: ich bin der festen Überzeugung, dass Farbe uns eine Freude bereitet, die wir geschenkt bekommen und es wäre doch schade, das einfach auszuschließen, nur weil man sich nicht traut, oder?




Bücher dazu gibt es in großer Auflage. Es gibt sogar Ratgeber nach Sternzeichen oder nach Feng Shui. (Well, what to say? Whatever makes you happy.)

Aber für mich klingt das zu sehr nach einer Instant-Lösung für alle die, die sich nicht wirklich tief mit dem Thema auseinandersetzen wollen: Du bist Stier? Dann nimm schwarz, passt!

Oder: in der Familenecke brauchen wir die Wasserfarbe, also kommt da ein Blau oder ein Türkis hin.


Das ist doch kein Weg, um ein gutes Farbkonzept für Ihr Haus zu erstellen! Stellen Sie sich mal vor, Sie würden so Ihr Outfit zusammenstellen. (Oh, jetzt sag ich was: wahrscheinlich gibt es Menschen, die das tun. Whatever makes you happy.)




Die Hürde der unendlichen Möglichkeiten


Wir haben heute die Möglichkeit, uns nahezu unbegrenzt auszutoben. (Fast) alles ist (fast) immer verfügbar, und dann auch noch in -zig Varianten. Da eine Auswahl zu treffen, zumal wenn es um etwas so Langfristiges und Kostspieliges wie ein eigenes Haus geht, ist sehr schwer und bin ich ganz auf Ihrer Seite, wenn Sie sagen: "Das muss mir lange gefallen und ich will auch hundertdreiundzwanzig Prozent sicher sein, dass mir das noch in 20 Jahren gefällt."


Und jetzt kommt das Gemeine an der Geschichte: wird es nicht.

Egal, wieviel Liebe und Mühe Sie sich bei der Auswahl gegeben haben, wieviele Nächte Sie Pinterestboards erstellt und in wievielen Geschäften Sie nach der perfekten Lösung gesucht haben.


Das Leben verändert sich, die Ansprüche steigen, die Prioritäten verschieben sich und auch Häuser sind der Mode unterworfen.

Die wenigsten meiner Kunden renovieren, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo Sie es einfach nicht mehr sehen können.



Foto von Social Cut

Warum sollte ich also nach dem Kriterium der "vermutlichen optischen Haltbarkeit" wählen, wenn irgendwann sowieso der Punkt kommt, an dem ich mich nach Veränderung sehne? Warum dann nicht gleich etwas aussuchen, das nicht nur dem Aspekt "vernünftig", sondern auch "macht mir Freude" Rechnung trägt?






Die Kunst der Kombinationen


Sie haben sicher schon ein Bild bei Instagram (da ist sie wieder, unsere bildgewaltige Epoche) gesehen, wo Sie gedacht haben: toll! Aber ob ich diese Fliesen in drei Jahren noch mag?

Das Geheimnis ist: wenn es gut gemacht ist, ja. Ganz oder gar nicht ist hier die Devise. Wenn diese - sagen wir mal: grün glänzende,  in Marokko handgemachte Fliese nun Einzug in Ihr Heim hält, Sie sich aber bei allen andere Dingen wieder in das sichere Nichtfarbenschema verfallen, wird die Fliese wahrscheinlich das erste sein, was wieder Ihr Haus verlässt. Und Sie werden sich denken "hätte ich mal bloß nicht....!".

Fügt sie sich aber gut ein, hat „gestalterische Geschwister“ mit in den Raum gebracht, fühlt sich diese Fliese sehr wohl und wird Ihnen länger als nur eine Saison gefallen.

(Vielleicht nicht Ihr ganzes Leben, aber eben länger als nur ein paar kurze Jahre.)




Und genau das macht Arbeit. Das muss rund werden, da braucht es neben Erfahrung und dem Wissen, wo man was bekommt auch ein bisschen Zeit, bis man alles zusammengefügt hat und letztendlich auch die gewisse Protion Mut, sozusagen das Salz in der Suppe. Ich fertige für meine Kunden nicht nur ein Moodboard und häufig lege ich es an die Seite, um einen Tag später daran weiter zu arbeiten. Das muss man auch mal sacken lassen. Und da ich viel unterwegs bin, ist es nicht selten so, dass mir das "missing piece" über den Weg läuft.


Man kann die Dinge nicht einzeln betrachten. Es geht immer um die Kombination, um den gesamten Look. Das ist genauso wie der Mode. Die falschen Schuhe können ein Outfit versauen und die richtigen einen Wow-Effekt auslösen.






Foto von aaina-sharma



Ich merke es immer wieder, dass ich auf große Skepsis stoße, wenn ich von Farbe spreche. Immer wieder ist der Ruf nach "neutral" da.



Aber die Farben sind keine Schweizer.


Auch mit einem Grau treffen Sie eine Aussage. Oder mit einem Weiß. es gibt ja nicht nur das eine Grau, sondern Millionen davon und wie das bei Familien so ist, mögen die sich nicht mal alle.

Oft denke ich, dass es auch das ein Zeichen unserer Zeit ist: der Mangel an Entscheidungsfreudigkeit. Sich festzulegen, ist heute ein Qual, weil ja gleich morgen schon wieder ein noch tolleres Ding auftauchen könnte. Das beschränkt sich nicht auf Interior, das betrifft so viele unserer Lebensbereiche. (Unser täglich Like gib uns heute.)



Wenn man sich aber nun einmal dazu durchgerungen hat, das Übliche zu verlassen wird man belohnt. Nicht selten erlebe ich es, dass gerade die ausgefalleneren Dinge sehr lieb gewonnen werden und lange, lange in einem Haus bleiben. Oder mit umziehen, und dann wie das neue Domizil drumherum gestaltet. Weil es besonders ist.



Das Glück ist mit dem Mutigen.


Trauen Sie sich. Üben Sie Farbe (und nein: streichen Sie bitte nicht die Wand im Flur giftgrün. Das habe ich nicht gemeint! ). Ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei.



Wenn Sie nun Lust auf Farbe gekommen haben, kontaktieren Sie mich:


hello@nicolabushuven.com


Mutige Grüße

Ihre

NIC